Read Multikulturalismus auf Türkisch?: Debatten um Staatsbürgerschaft, Nation und Minderheiten im Europäisierungsprozess (Kultur und soziale Praxis) by Eran Gündüz Online

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Nation, Staatsb rgerschaft und Multikulturalismus sind zentrale Themen in den ffentlichen Debatten in der T rkei Eran G nd z zeichnet die Genese des t rkischen Nationalstaats nach und beleuchtet die j ngeren Debatten um die Inklusion von ethno kulturellen Gruppen Dabei nutzt er den Ansatz des kanadischen Sozialtheoretikers Will Kymlicka, um die Anwendbarkeit eines westlichen Modells von multikultureller Gesellschaft auf den t rkischen Fall zu begr nden Die Studie zeigt die Gr nde auf, die eine demokratisch verfasste multikulturelle Gesellschaft in der T rkei zurzeit fast unm glich zu machen scheinen....

Title : Multikulturalismus auf Türkisch?: Debatten um Staatsbürgerschaft, Nation und Minderheiten im Europäisierungsprozess (Kultur und soziale Praxis)
Author :
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ISBN : 383762109X
ISBN13 : 978-3837621099
Format Type : Kindle Edition
Language : Deutsch
Publisher : transcript Verlag Auflage 1 1 September 2012
Number of Pages : 262 Seiten
File Size : 963 KB
Status : Available For Download
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Multikulturalismus auf Türkisch?: Debatten um Staatsbürgerschaft, Nation und Minderheiten im Europäisierungsprozess (Kultur und soziale Praxis) Reviews

  • Johannes Heinrichs
    2020-05-07 06:09

    Achtung: Diese Untersuchung gehört nicht zu den vielen (unzulänglichen) Untersuchungen über türkische Migranten in Deutschland oder den Definitionsversuchen von Deutschsein" aus türkischer Sicht wie etwa die von Zafer Senocak! Es geht vielmehr um eine wissenschaftlich seriöse und aufgeklärte Problematisierung des nationalen Selbstverständnisses der Türkei. Ich vermute, sie entstammt der Feder eines kurdischen Türkiyeli" (Einwohners der Türkei). Nach dem Forschungsrahmen der Arbeit (Kap. 1) werden Theoretische Grundlagen von Nation" thematisiert durch die Unterscheidung von ethnischem" und politischem" Nationenbegriff (Kap.2), wofür das französische Nationenverständnis einerseits und das deutsche anderseits prototypisch stehen. Die Entgegensetzung geht auf des Historikers Friedrich Meineke Unterscheidung von kulturellem" und politischen" Nationenverständnis zurück - wobei kulturell aber nicht ethnisch-blutmäßig bedeutet. Hier liegt m.E. eine Schwäche: Der Autor problematisiert zwar mit Recht die Angemessenheit der einfachen Aufteilung auf Frankreich bzw. Deutschland. In erfreulicher Weise hebt er auch die vorstaatliche Gemeinschaft einer Kultur (besonders durch die Sprache) hervor, wie sie etwa dem mittelalterlichen deutschen Reich zu eigen war, die aber auch der politischen Akzentuierung der Nation durch die Französische Revolution nicht abzusprechen ist. Leider fällt er dann jedoch auf die ebenso gefährliche wie völlig unzureichende Entgegensetzung von jus soli (staatbürgerlichem Nationenverständnis) und jus sanguinis (ethnischem Nationenverständnis) herein, das die Diskussion des deutschen Political-Correctness-Mainstreams bei der Einwanderungsgesetzgebung mit unfassbarer Blindheit beherrschte: Als sei das deutsche Nationenverständnis bis 2000 vom Blut (jus sanguinis) und nicht von der Kultur bestimmt gewesen: Ein solches jus culturae ist jedoch sowohl den wenigen Blut-und-Boden-Vertretern eines jus sanguinis wie der linksliberal geprägten Mehrheit eines bloß staatsrechtlichen jus soli bis heute bedauerlich unbekannt. Infolge dieser verhängnisvollen Verwechslung (von jus culturae mit jus sanguinis) verliert Gündüz` häufige Rede von ethnisch-kulturell" ihre Klarheit. Meint ethnisch" Blut oder Kultur?Dies hat nun Folgen für seine Analyse des türkischen, kemalistisch geprägten Nationverständnisses in den folgenden Kapiteln (III bis VIII). Dennoch sind diese Kapitel außerordentlich lehrreich und differenziert. Keine Spur von nationalistischer Apologetik noch von der üblichen Flachheit und Unbestimmtheit der Multi-Kulti-Ideologie. Im Gegenteil, die Vertreter eines naiven Multikulturalismus könnten hier lernen und definieren üben!Das Schlusskapitel ist der Theorie des Kanadiers Will Kymlika und ihrer Anwendbarkeit auf die heutige Türkei gewidmet. Kymlika tritt für das Recht der gewachsenen Kulturen innerhalb eines Staates ein, am Muster des Rechtes des französischen Quebec innerhalb der kanadischen Staatsnation. Man muss gewachsene vorstaatliche Kulturen von nachträglichen Einwanderer-Kulturen sorgfältig unterscheiden. Für letztere habe ich selbst mehrfach die Unterscheidung von gastgebender Kultur und gastgebenden, landsmannschaftlichen, also in einem soziologischen, nicht wertenden Sinn sekundären Einwanderer-Kulturen geltend gemacht . Wenn Eran Gündüz das grundsätzlich akzeptierte Konzept von Kymlika als zu statisch" kritisiert und modifiziert, geht es vielleicht nicht nur um die fehlende Einheitlichkeit von Minderheiten-Kulturen. Es fehlt die Stufen-Unterscheidung von (allgemein verbindlicher) Primär- und (landsmannschaftlicher) Sekundärkultur. Wenn eine Minderheiten-Kultur sich nicht als zusätzliche Sekundär-Kultur auf dem Sockel einer gemeinsamen Primärkultur verstehen kann, ist meines Erachtens eine mehr als staatlich-rechtliche Einheit nicht auszumachen - was im Falle einer autochthonen Kultur auch eine staatlich-rechtliche Trennung rechtfertigen kann. Gündüz hütet sich jedoch - aus vielleicht nicht nur innerwissenschaftlichen Gründen - eine solche Schlussfolgerung für die türkischen Kurden zu ziehen.Festzuhalten ist, dass die Unterscheidung von rechtlich-staatsbürgerlicher, kultureller und religiöser Ebene bei der Abgrenzung des Rechtes der Kulturen innerhalb eines Staates von unerlässlicher, wenn auch oft - auch hier etwas - vernachlässigter Bedeutung ist. Was und wie viel an Klärungen der Autor für die Kurdenfrage in der Türkei beigebracht haben mag, entzieht sich im Einzelnen meiner Beurteilung. Auf jeden Fall hat er die gesamte Fragestellung auf ein Niveau gehoben, das man der emotionsgeladenen Debatte in seinem Herkunftsland wie in Europa nur wünschen kann.